„Wir müssen die alten Rollenbilder verbannen“

Henrike von Platen, Präsidentin der Business and Professional Women (BPW) Germany, hat mir für das Entscheider-Magazin für die Sozialwirtschaft Wohlfahrt Intern schon 2013 Fragen zum Gender Pay Gap beantwortet: zur Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, die geringe Wertschätzung von Gesundheitsfachberufen und den Mut, auf kleine Fortschritte zu setzen. Der prozentuale Verdienstunterschied hat sich in den vergangenen sieben Jahren leider kaum verändert – und sich lediglich von 22 auf 21 Prozent verringert.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat die 22 Prozent Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern zur „Unstatistik des Monats“ proklamiert. Machen Sie da nicht viel Lärm um nichts? Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) spricht von in Wirklichkeit weniger als zwei Prozent.

Henrike von Platen: Wir berufen uns auf die Zahlen des Statistischen Bundesamts mit einer Datengrundlage von 32.000 Betrieben und 1,9 Millionen Arbeitgebern. Die Erhebung des IW beruht auf dem Sozioökonomischen Panel, einer Befragung von ca. 12.000 Privathaushalten. Der Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen liegt laut Destatis bei durchschnittlich 22 Prozent. Das ist der Wert, den man erhält, wenn die Bruttostundenlöhne aller Frauen von den Bruttostundenlöhnen aller Männer subtrahiert werden. Das ist eine Bestandsaufnahme, in der sämtliche Ursachen für die Lohnlücke abgebildet sind. Für zwei Drittel des Gender Pay Gap lassen sich die Ursachen rechnerisch bestimmen. Allerdings bleiben, selbst wenn die Entgeltlücke um die erklärbaren Faktoren bereinigt ist, immer noch acht Prozent, die nicht erklärbar sind. Frauen verdienen also auch bei gleicher Tätigkeit und Qualifikation acht Prozent weniger. Doch was wir immer wieder betonen ist: Auch wenn wir einen Teil der Ursachen kennen und prozentual benennen können, heißt das noch lange nicht, dass die Probleme gelöst sind.

Richtig verstanden: Die Lohnlücke ist gar nicht so riesig und wenn Frauen weniger verdienen, liegt das daran, dass sie überwiegend in schlechter bezahlten Berufen arbeiten?

Henrike von Platen: Das kann man so nicht sagen. Die Lohnlücke mit allen ihren Ursachen liegt nach offiziellen Zahlen bei 22 Prozent, daran ist nicht zu rütteln. Die Gründe hierfür sind aber sehr vielfältig, unter anderem sind Frauen nach wie vor in Führungspositionen unterrepräsentiert oder können aufgrund fehlender Betreuungsmöglichkeiten für kleine, kranke und alte Menschen nur Teilzeit arbeiten. Es gibt aber nicht nur den direkten Lohnunterschied, sondern auch ein anderes Phänomen: Eine wesentliche Ursache für die Lohnlücke ist in der Tat, dass Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten, schlechter bezahlt werden – dazu gehören auch die Gesundheitsberufe. Die Ursache liegt darin, dass Pflegearbeiten früher von Frauen unentgeltlich erledigt wurden. Warum wird die Arbeit eines Mechanikers gegenüber einem Pfleger mehr wertgeschätzt? Hier klafft eine große Lücke.

Also tragen Frauen selbst die Schuld an der ungleichen Entlohnung?

Henrike von Platen: Nein. Es ist ja nicht die Schuld von Frauen, dass die Berufe, die sie wählen, schlechter bezahlt werden. Angesichts des schon vorhandenen Fachkräftemangels, beispielsweise im Pflegebereich, wäre es nicht verantwortbar, Schulabsolventinnen zu raten, keine Gesundheitsberufe mehr zu wählen. Schuld an ungerechter Entlohnung trägt aber auch nach wie vor das traditionelle Rollenbild vom männlichen Alleinernährer und der geringfügig hinzuverdienenden Ehefrau, das politisch zum Beispiel mit dem Ehegattensplitting noch unterstützt wird. Wenn ich als Frau Karriere machen will, laufe ich Gefahr als Rabenmutter abgestempelt zu werden. Dabei wollen viele Männer dieses Klischee ebenso wenig wie die Frauen. Denn auch sie profitieren davon, wenn sich das Rollenbild der Frau ändert. Wenn sich die Aufteilung der Familieneinkommen von zwei Drittel Männergehalt und einem Drittel Frauengehalt auflöst, kann sich die Familie mehr leisten. Deshalb müssen wir die Männer intensiver ins Boot holen. Wir müssen die alten Rollenbilder verbannen – auch aus den Köpfen der jungen Generation.

Interview mit Henrike von Platen, Wohlfahrt Intern 03/13

Warum bleiben die Löhne im Gesundheitswesen zurück, obwohl dort mit sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr erwirtschaftet wird als in Maschinenbau und Kfz-Branche zusammen?

Henrike von Platen: Das liegt generell an der knappen Budgetierung im Gesundheitswesen, die durch den Grundsatz der Beitragssatzstabilität gedeckelt wird. Personalkosten werden in diesem Zusammenhang gern als vermeidbar gesehen. Bisher ist es nicht gelungen, eine breite gesellschaftliche Solidarität mit den Vertretern der Gesundheitsfachberufe herzustellen. Das liegt zum einen daran, dass den meisten Nichtgesundheitsberuflern die tatsächliche Lohnhöhe nicht bekannt ist. Zum anderen sind Krankheit und Alter ein unangenehmes Thema, mit dem sich Menschen erst dann beschäftigen, wenn es sie betrifft.

Was raten Sie Frauen, um sich dem Lohnniveau der Männer anzugleichen?

Henrike von Platen: Wir fordern Frauen, aber auch Männer auf, sich unserer Initiative anzuschließen und am Equal Pay Day lautstark und sichtbar auf die Lohnlücke aufmerksam zu machen. Der gesellschaftliche und politische Druck, etwas zu verändern, muss steigen. Es wird Zeit, eine Debatte darüber anzustoßen, dass zum Beispiel Gesundheitsberufe über ihre schlechtere Bezahlung auch weniger Wertschätzung erfahren – und am Ende eine Rente, von der sie nicht leben können. Mein Rat an Frauen lautet: Klappert mit euren Leistungen. Fragt nach Boni. Bleibt dran, verhandelt nach. Eignet euch alle Techniken an, die dazu nötig sind. Vergleicht Honorare und Gehälter in entsprechenden Gehaltstabellen, zum Beispiel im Internet. Und: Solidarisiert Euch mit der Equal-Pay-Day-Bewegung des BPW, die inzwischen von vielen weiteren europäischen Ländern aufgegriffen wurde. Es lohnt sich zu kämpfen, damit sich die deutsche Gesellschaft ändert.

Werden wir irgendwann einmal gleiche Löhne für Männer und Frauen haben?

Henrike von Platen: Das Ziel der Bundesregierung ist, den Lohnabstand bis 2020 auf zehn Prozent zu verringern. Das sind sehr ehrgeizige Ziele, die auch nach Angaben des Statistischen Bundesamts nicht erreicht werden können. Es wäre für uns aber ein Erfolg, wenn wir pro Jahr ein Prozent der Lohnlücke abbauen könnten. Bei einem aktuellen Stand von 22 Prozent haben wir da noch viel zu tun.

Wurden Sie schon einmal ungerecht für Ihre Arbeit entlohnt?

Henrike von Platen: Ganz sicher. Mich hatte mal jemand darum gebeten, unentgeltlich einen Auftrag zu bearbeiten, der mehrere Tage in Anspruch genommen hätte. Er war wohl der Meinung, dass ich das aus Freundschaft tun würde. Ich habe abgelehnt und mich gefragt, ob er das auch von einem Mann verlangt hätte. Heute arbeite ich selbständig als Unternehmensberaterin und Interimsmanagerin und habe einen festen Tagessatz.

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